Krypto im globalen Süden – Befreiung oder neue Abhängigkeit?
Wenn du die gängigen Narrative über Kryptowährungen verfolgst, begegnet dir immer wieder dieselbe Geschichte: Bitcoin und Co. sollen die Menschen im globalen Süden aus der finanziellen Abhängigkeit befreien, Zugang zu Bankdienstleistungen schaffen und wirtschaftliche Selbstbestimmung ermöglichen. Die Realität ist komplexer. Zwischen echten Erfolgsgeschichten und neuen Formen digitaler Abhängigkeit offenbart sich ein Spannungsfeld, das wir genau betrachten müssen.
Nigeria: Wenn die Zentralbank versagt, springt Binance ein
Nigeria ist das perfekte Beispiel für die Widersprüche der Krypto-Adoption. Das Land führt mit über 92 Milliarden Dollar Transaktionsvolumen den afrikanischen Kontinent an und rangiert weltweit auf Platz zwei im Global Crypto Adoption Index. Die Zahlen klingen beeindruckend, doch was steckt dahinter?
Als die nigerianische Naira im März 2025 massiv an Wert verlor, griffen Millionen Menschen zu Stablecoins. Über 85 Prozent der Transaktionen in Nigeria sind Kleinbeträge unter einer Million Dollar, was zeigt: Hier geht es nicht um Spekulation reicher Investor*innen, sondern um Menschen, die ihr Erspartes retten wollen. Moyo Sodipo von der Krypto-Börse Busha beschreibt den Alltag: "Menschen zahlen ihre Rechnungen mit Crypto, laden Handyguthaben auf und kaufen im Supermarkt ein. Das ist keine Zukunftsvision mehr, das passiert jetzt."
Doch schauen wir genauer hin. Die nigerianische Zentralbank hatte 2021 allen Banken verboten, Kryptotransaktionen zu verarbeiten. Die Folge? Der Handel verlagerte sich komplett in den Peer-to-Peer-Bereich und zu ausländischen Plattformen. Erst 2025 schwenkte die Regierung um und erkannte digitale Assets als Wertpapiere an. Diese Achterbahnfahrt der Regulierung zeigt, wie instabile politische Rahmenbedingungen die Menschen erst recht in die Arme internationaler Krypto-Konzerne treiben.
Wenn du selbst mit Kryptowährungen handelst, kennst du die Bedeutung von zuverlässigen Börsen. Plattformen wie KuCoin oder Binance dominieren gerade in Märkten wie Nigeria, weil lokale Alternativen fehlen. Diese Abhängigkeit von internationalen Plattformen ist ein zweischneidiges Schwert.
Kenia: M-Pesa trifft auf Bitcoin
Kenia zeigt einen anderen Weg. Das Land, das mit M-Pesa bereits Mitte der 2000er eine mobile Payment-Revolution erlebte, hat im Oktober 2025 den Virtual Asset Service Providers Act verabschiedet. Etwa zehn Prozent der kenianischen Bevölkerung, rund sechs Millionen Menschen, nutzen bereits Kryptowährungen. Sam Kim von GoChapaa erklärt: "Stablecoins, die an den US-Dollar gekoppelt sind, sind besonders beliebt. Die Menschen nutzen sie für grenzüberschreitenden Handel oder um ihre Ersparnisse vor Inflation und Währungsabwertung zu schützen."
Das Besondere an Kenia: Die Regierung versucht, aus den Fehlern anderer zu lernen. Statt eines kompletten Verbots oder unkontrollierter Öffnung wird ein regulatorischer Rahmen geschaffen. Die Zentralbank lizenziert Stablecoin-Herausgeber, die Capital Markets Authority überwacht Börsen. Im Juli 2025 wurde sogar die dreiprozentige Digitalsteuer abgeschafft und durch eine zehnprozentige Verbrauchssteuer auf Börsengebühren ersetzt, eine klügere Lösung.
Doch auch hier lauert die Schattenseite. Wie ich bereits in meinem Artikel über digitale Genossenschaften im globalen Süden geschrieben habe: Technologie allein löst keine strukturellen Probleme. Wenn Plattformen wie Ezeebit, die kürzlich zwei Millionen Dollar einsammelten, zwar die Transaktionsgebühren von drei Prozent auf ein Prozent senken, aber die gesamte Infrastruktur kontrollieren, entsteht eine neue Abhängigkeit.
Venezuela: Stablecoins als Rettungsanker im Staatszerfall
Venezuela präsentiert das extremste Szenario. Bei einer Hyperinflation von über einer Million Prozent wurden Stablecoins buchstäblich zur Überlebensstrategie. 92,5 Prozent der venezolanischen Krypto-Aktivität läuft über zentralisierte Börsen, ein Weltrekord. Leopoldo López, venezolanischer Oppositionsführer, formuliert es deutlich: "Kryptowährungen, besonders Stablecoins, haben vielen Venezolaner*innen geholfen, die Hyperinflation zu überstehen."
Wenn der Bolivar wöchentlich an Wert verliert, können Menschen mit USDT oder USDC ihr Geld in eine stabilere Form bringen. Das klingt nach einem Triumph der Technologie über staatliches Versagen. Doch betrachten wir die Machtdynamiken: US-amerikanische Unternehmen wie Circle (USDC) oder Tether kontrollieren die digitalen Dollar, auf die Millionen Venezolaner*innen angewiesen sind. Diese Firmen können Konten einfrieren, Transaktionen blockieren und unterliegen selbst kaum demokratischer Kontrolle.
Hinzu kommt: Rücküberweisungen aus dem Ausland sind für viele Familien überlebenswichtig. Traditionelle Dienste wie Western Union verlangen sechs Prozent Gebühren und brauchen Tage. Krypto-Überweisungen kosten weniger als ein Prozent und sind in Minuten da. Das ist real und hilft konkret. Gleichzeitig bedeutet es, dass kritische Infrastruktur in den Händen privater, profitorientierter Unternehmen liegt.
El Salvador: Das Bitcoin-Experiment und seine Schattenseiten
El Salvador wurde 2021 zum ersten Land, das Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel einführte. Präsident Nayib Bukele inszenierte sich als Visionär, der sein Land in die Zukunft führt. Vier Jahre später zeigt sich ein gemischtes Bild. Der Internationale Währungsfonds erzwang 2025 als Bedingung für einen 1,4-Milliarden-Dollar-Kredit, dass Bitcoin seinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel verliert und die Nutzung freiwillig wird.
Der Küstenort El Zonte, umbenannt in "Bitcoin Beach", offenbart die neokolonialen Strukturen besonders deutlich. Amerikanische Bitcoin-Evangelisten kauften Land auf, eröffneten exklusive Hotels und etablierten ein Krypto-Ökosystem. Für die lokale Bevölkerung brachte das zwar Jobs im Tourismus, aber auch steigende Immobilienpreise und den Verlust von Zugang zu Strand und Ressourcen.
Eine Studie von 2024 warnt vor den "extraktiven und neokolonialen Auswirkungen" der Krypto-Entwicklung. Während einige Geschäfte florierten, wurden lokale Identitäten und Landrechte untergraben. Das Bitcoin-Paradies entpuppt sich als neue Form territorialer Kontrolle durch Kapital aus dem globalen Norden.
Argentinien: Inflation treibt Innovation
Mit einer Inflationsrate von über 200 Prozent im Jahr 2023 wurde Argentinien zum Hotspot für Stablecoin-Adoption. 19,8 Prozent der Bevölkerung besitzen Kryptowährungen, die höchste Rate in Lateinamerika. Buenos Aires hat sich als Web3-Zentrum etabliert, mit Events wie der Ethereum World Fair.
Die argentinische Regierung schuf eine regulatorische Sandbox und lizenziert Virtual Asset Service Providers. Die rechtliche Anerkennung von tokenisierten Real-World-Assets eröffnet neue Möglichkeiten für Immobilien und Rohstoffe. Doch auch hier zeigt sich: Die Technologie wird primär von einer technikaffinen urbanen Elite genutzt, während ländliche Regionen weiter ausgeschlossen bleiben.
Wenn du deine Krypto-Transaktionen steuerlich dokumentieren musst, kennst du die Komplexität. Tools wie Cointracker oder Koinly helfen dabei, den Überblick zu behalten. In Argentinien, wo Kapitalkontrollen streng sind, sind solche Tools besonders relevant, doch nicht jeder hat Zugang dazu.
Indien: Graswurzel-Adoption im Riesenreich
Indien führt den Global Crypto Adoption Index 2025 an. Mit über 100 Millionen Nutzer*innen und 338 Milliarden Dollar Transaktionsvolumen ist das Land der absolute Spitzenreiter. Die indische Diaspora nutzt Krypto für Rücküberweisungen, junge Erwachsene für zusätzliches Einkommen, und Fintech-Innovationen wie UPI und eRupi beschleunigen die Adoption.
Die Bharat Web3 Association normalisiert Krypto als legitime Wertübertragung. Gleichzeitig experimentiert die Reserve Bank of India mit einer eigenen digitalen Zentralbankwährung. Doch die regulatorischen Rahmenbedingungen bleiben unklar, was Unsicherheit schafft.
Das Problem: Während urbane, englischsprachige Inder*innen Zugang zu globalen Plattformen haben, bleiben Millionen in ländlichen Gebieten ausgeschlossen. Die digitale Kluft wird durch Krypto nicht geschlossen, sondern teilweise vertieft.
Philippinen: Von Play-to-Earn zur Ernüchterung
Die Philippinen erlebten mit Axie Infinity den Play-to-Earn-Hype. Tausende Menschen verdienten zeitweise mehr als den Mindestlohn durch digitale Gaming-Token. Der Hype ebbte ab, als die Token einbrachen. Das Land rutschte im Adoption Index von Platz zwei (2022) auf Platz neun (2025).
13,4 Prozent der Bevölkerung besitzen Krypto, primär für Rücküberweisungen und Mikrotransaktionen. Doch die Abhängigkeit von zentralisierten Börsen und Gaming-Plattformen zeigt die Verletzlichkeit. Als Axie kollabierte, verloren viele ihre Einkommensquelle.
Wie ich in meinem Artikel über Gamification in der Krypto-Welt analysiert habe: Play-to-Earn ist oft nur eine neue Form der Ausbeutung, bei der Menschen für Mikro-Beträge digitale Arbeit verrichten, während die Plattformbetreiber die Profite einstreichen.
Die kritische Frage: Wem gehört die Infrastruktur?
Hier kommen wir zum Kern der Debatte. Wenn du deine Kryptowährungen sicher aufbewahren willst, brauchst du eine Hardware-Wallet. Produkte wie der Trezor Safe 5, Ledger Nano X oder Ledger Flex bieten Sicherheit. Doch diese Geräte werden fast ausschließlich von Unternehmen im globalen Norden hergestellt und sind für viele im globalen Süden unerschwinglich.
Die gesamte Krypto-Infrastruktur liegt in den Händen weniger Akteure. Stablecoin-Herausgeber wie Circle und Tether sind US-Unternehmen. Die größten Börsen, Binance und Coinbase, werden von Silicon-Valley-Logik getrieben. Mining-Pools konzentrieren sich in Kasachstan, den USA und Kanada. Die Blockchain-Protokolle werden von Entwickler-Teams im globalen Norden dominiert.
Kwame Nkrumah definierte Neokolonialismus als die Integration von Finanzkapital und westlicher Hilfe, die Entwicklungsländer abhängig von traditionellen Machtzentren macht. Übertragen auf Krypto: Auch wenn die Technologie als dezentral vermarktet wird, sind die realen Machtverhältnisse hochgradig zentralisiert.
Crypto-Kolonialismus: Wenn Hilfe zu Kontrolle wird
Der Begriff "Crypto-Kolonialismus" beschreibt, wie Blockchain-Projekte im Namen humanitärer Hilfe neue Abhängigkeiten schaffen. Oxfam experimentierte in Vanuatu mit Blockchain für Katastrophenhilfe. Die Idee: transparente, schnelle Hilfe ohne korrupte Mittelsmänner. Die Realität: jede Transaktion wird getrackt, Kontrolle liegt bei ausländischen NGOs, lokale Souveränität wird untergraben.
Dr. Olivier Jutel von der University of Otago warnt: "Die Menschen und Ökonomien der Entwicklungsländer werden zu Testgebieten für Technologien, die die Unabhängigkeit dieser Länder untergraben." In Fidschi sollte eine Blockchain alle indigenen Landrechte registrieren. Was nach Modernisierung klingt, würde Land, das jahrhundertelang gegen koloniale Aneignung geschützt war, plötzlich für globale Märkte erschließen.
Ähnlich problematisch sind Krypto-Spenden-Plattformen wie Promise, wo Spender*innen über die Verwendung jedes Cents abstimmen. Das klingt nach Transparenz, ist aber pure Kontrolle. Empfänger*innen müssen jede Ausgabe rechtfertigen, während Spender*innen aus dem Ausland über ihr Leben entscheiden.
Remittances: Der einzige echte Gewinn?
Ein Bereich, wo Krypto tatsächlich hilft, sind Rücküberweisungen. Der globale Süden erhält jährlich über 150 Milliarden Dollar von Arbeitsmigrant*innen. Traditionelle Dienste verlangen durchschnittlich sechs Prozent Gebühren. Krypto reduziert das auf unter ein Prozent.
Für eine Familie in Guatemala, die 300 Dollar aus den USA erhält, macht das 18 Dollar Unterschied, bei Western Union versus Krypto. Das ist echtes Geld, das ankommt statt in Gebühren zu versickern. Der Korridor Kolumbien-Venezuela nutzt massiv Stablecoins, was Kosten und Zeit drastisch reduziert.
Doch selbst hier: Wer kontrolliert die Stablecoin-Gateways? Wer kann Transaktionen stoppen? Die Plattformen, nicht die Nutzer*innen. Wie ich in meinem Artikel über Crypto ohne Bankkonto erklärt habe: Der Zugang ist real, aber die Kontrolle bleibt zentral.
Die Regulierungsfalle: Wer schreibt die Regeln?
2025 sehen wir einen globalen Push für Krypto-Regulierung. Das klingt erstmal gut, klare Regeln schaffen Sicherheit. Doch wer schreibt diese Regeln? Der Internationale Währungsfonds, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Financial Action Task Force, alles Institutionen, die vom globalen Norden dominiert werden.
Der IWF hat 18 Prozent Stimmanteil für die USA, was faktisch ein Veto bedeutet. Wenn diese Institutionen Krypto-Standards setzen, werden sie die Interessen ihrer Mitglieder priorisieren, nicht die der Entwicklungsländer. El Salvador musste seine Bitcoin-Politik aufgeben, um den IWF-Kredit zu bekommen.
Was wir bräuchten: eine internationale Krypto-Regulierungsinstanz mit gleichberechtigter Stimmverteilung, wo Ghana und Deutschland gleich viel zu sagen haben. Die Wahrscheinlichkeit? Gegen null. Stattdessen wird Regulierung Machtverhältnisse zementieren.
Energie und Umwelt: Wer trägt die Kosten?
Bitcoin-Mining verbraucht mehr Energie als ganze Länder. Mining-Farmen siedeln sich dort an, wo Strom billig ist, oft in Entwicklungsländern mit subventionierten Energiepreisen. Kasachstan erlebte 2022 Stromausfälle, weil Mining-Farmen zu viel Kapazität absorbierten.
Die Umweltkosten fallen lokal an, die Profite fließen global ab. In Regionen mit Wasserkraft, die für lokale Entwicklung gebraucht würde, zapfen internationale Mining-Operationen die Ressourcen an. Das ist Extraktivismus in neuer Form.
Proof-of-Stake-Netzwerke wie Ethereum sind energieeffizienter, aber auch hier konzentriert sich der Stake bei wohlhabenden Validatoren im globalen Norden. Die versprochene Dezentralisierung wird zu einer Plutokratie, wo mehr Kapital mehr Macht bedeutet.
Wege aus der Abhängigkeit: Was wäre nötig?
Wenn Krypto wirklich Befreiung statt neuer Abhängigkeit sein soll, braucht es grundlegende Änderungen. Erstens: lokale Kontrolle über Infrastruktur. Projekte wie die afrikanische Exchange VALR oder die lateinamerikanische Bitso sind ein Anfang, aber zu wenig. Wir brauchen Stablecoin-Herausgeber in Afrika, Asien und Lateinamerika, nicht nur Filialen von Circle.
Zweitens: Open-Source-Protokolle statt proprietärer Plattformen. Die Blockchain selbst ist open source, aber Börsen, Wallets und Services sind meist closed source. Echte Dezentralisierung würde bedeuten, dass Communities ihre eigenen Forks betreiben können.
Drittens: regulatorische Souveränität. Jedes Land muss seine eigenen Regeln machen können, ohne vom IWF erpresst zu werden. Wie ich in meinem Artikel über DAOs und den Sozialstaat argumentiert habe: Technologie muss demokratischer Kontrolle unterliegen, nicht Marktlogik.
Viertens: Finanzbildung ohne Missionierung. Krypto-Evangelisten aus San Francisco sollten nicht in Afrika "aufklären". Lokale Communities brauchen Zugang zu Wissen, aber ohne die libertären Ideologien, die oft mitgeliefert werden.
Die Rolle von DeFi: Demokratisierung oder neue Exklusion?
Decentralized Finance verspricht Banking ohne Banken. Für die 1,4 Milliarden Menschen ohne Bankkonto klingt das revolutionär. Die Realität: DeFi ist hochkomplex, erfordert technisches Verständnis und ist riskant. Smart-Contract-Bugs führten 2025 zu Verlusten von 14,6 Millionen Dollar allein bei RWA-Protokollen.
Wer kann sich DeFi leisten? Nicht die Ärmsten. Du brauchst Kapital als Collateral, Zugang zu schnellem Internet, Verständnis für komplexe Protokolle. DeFi wird so zur Spielwiese für die urbane Mittelschicht, während die wirklich Marginalisierten außen vor bleiben.
Sub-Sahara-Afrika führt bei DeFi-Adoption, was oft als Erfolg gefeiert wird. Doch schauen wir genau hin: Es sind primär junge, gebildete Stadtbewohner*innen, die davon profitieren. Die Frau auf dem Land ohne Smartphone bleibt ausgeschlossen.
Stablecoins: Digitaler Dollar-Imperialismus?
Stablecoins sind der praktischste Use-Case für Krypto im globalen Süden. USDT und USDC ermöglichen Dollar-Zugang ohne US-Bankkonto. Doch betrachten wir die geopolitische Dimension: US-Stablecoins zementieren die Dollar-Hegemonie im digitalen Raum.
Wenn Venezuela, Argentinien und Nigeria massiv auf USDC setzen, stärkt das die Macht des US-Dollars. Diese Länder dollarisieren sich digital, ohne formale Kontrolle zu haben. Circle unterliegt US-Regulierung und kann auf Anweisung Konten einfrieren oder Transaktionen blockieren.
Alternativen wären regionale Stablecoins, an lokale Währungen oder Währungskörbe gekoppelt. Doch diese existieren kaum, weil die Infrastruktur fehlt und das Vertrauen gering ist. So reproduziert Krypto monetäre Machtverhältnisse, statt sie zu demokratisieren.
Fazit: Ambivalenz anerkennen, Machtverhältnisse benennen
Ist Krypto im globalen Süden Befreiung oder neue Abhängigkeit? Die ehrliche Antwort: beides. Für eine Familie in Venezuela, die dank Stablecoins ihr Erspartes retten kann, ist es Rettung. Für die salvadorianische Community, die ihr Land an Bitcoin-Touristen verliert, ist es Enteignung.
Die Technologie selbst ist neutral, aber sie operiert in einem Kontext extremer globaler Ungleichheit. Solange die Infrastruktur im globalen Norden konzentriert ist, solange westliche Unternehmen die Protokolle kontrollieren, solange der IWF die regulatorischen Bedingungen diktiert, wird Krypto bestehende Machtverhältnisse eher reproduzieren als aufbrechen.
Das bedeutet nicht, dass wir Krypto ablehnen sollten. Es bedeutet, dass wir ehrlich über die Grenzen sprechen müssen. Krypto kann ein Werkzeug sein, aber kein Allheilmittel. Echte finanzielle Inklusion braucht mehr: stabile politische Systeme, funktionierende Rechtsstaatlichkeit, investitionen in Bildung und Infrastruktur, faire Handelsbedingungen.
Wenn du dich mit Krypto beschäftigst, tu das mit kritischem Bewusstsein. Frag dich: Wer profitiert wirklich? Wessen Probleme werden gelöst, wessen verstärkt? Wie können wir Technologie so gestalten, dass sie nicht neue Abhängigkeiten schafft, sondern echte Selbstbestimmung ermöglicht?
Die Zukunft von Krypto im globalen Süden wird davon abhängen, ob es gelingt, Kontrolle zu dezentralisieren, nicht nur technisch, sondern auch politisch und ökonomisch. Bis dahin bleibt es ein widersprüchliches Phänomen: gleichzeitig Chance und Risiko, Werkzeug und Waffe, Hoffnung und Enttäuschung.
Die Geschichte von Krypto im globalen Süden wird gerade erst geschrieben. Es liegt an uns allen, darauf hinzuarbeiten, dass es eine Geschichte der Emanzipation wird, nicht eine weitere Chronik kolonialer Kontinuitäten im digitalen Gewand.















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